Pia Heckes
Spaziergang durch die Muffendorfer Geschichte
VON DER ALTSTEINZEIT INS 21. JAHRHUNDERT
Einleitung Vorgeschichte Antike Mittelalter Neuzeit LiteraturMuffendorf in der Vorgeschichte

Vorgeschichtliche Funde, also Funde aus der Zeit ohne schriftliche Überlieferung, strahlen eine ganz eigene Faszination aus, insbesondere Artefakte, die sich zeitlich einordnen lassen. Muffendorf hat eine ganz besondere Fundstelle zu bieten, die erst in den letzten Jahren von der Forschung intensiver beachtet wurde, aber für das Rheinland eine ganz aussergewöhnliche Bedeutung erlangt hat. Im Waldhang unterhalb des Heiderhofes wurde bereits in der Altsteinzeit (ca. 170.000 v. Chr.) ein spezieller Chalzedon abgebaut, der zur Herstellung von Klingen und Pfeilspitzen sowie anderer Werkzeuge diente. Werkzeuge aus genau diesem Material wurden über Jahrtausende verwendet und fanden ihren Weg über weite Handelswege bis an die Ränder des Kontinents. So war Muffendorf zumindest zeitweiliger Siedlungsort von Frühmenschen (homo sapiens), die zur Gewinnung von Werkzeugen hier her kamen, und hatte europäische Bedeutung über die Lagerstätte der Chalzedone, lange bevor die Römer ihre entwickelte Kultur mit ins Rheintal brachten. Auf luftbildarchäologischen Aufnahmen ist ein Wall zu erkennen, der einstmals den vorgeschichtlichen Siedlungsort schützte (RhAB, Ortskartei).
Der sehr bekannte Oberkasseler Fund eines Grabes von Cromagnon-Menschen, die bereits um 12.000 v. Chr. einen domestizierten Hund hielten, weist ebenfalls auf die Kontinuität der Anwesenheit von Menschen in der Nähe des Siebengebirges hin.
Allerdings erlebten die Nachfahren dieser Frühmenschen um ca. 11.000 v. Chr. ein Ereignis in der Region, das ihnen wie der Weltuntergang erschienen sein muss, und das die Landschaft hier wesentlich verändert haben muss: Den gewaltigen Ausbruch des Vulkans, in dessen ausgekühltem Schlot sich später der Laacher See bildete. Diese Eruption muss den Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 n. Chr. um ein Mehrfaches an Gewalt übertroffen haben, wie Vulkanologen herausgefunden haben.
Es darf angenommen werden, dass der Ausbruch des Laacher Vulkans längerfristig dazu beigetragen hat, dass sich höchst fruchtbare Böden entwickelten, welche die Ernährungssituation der Menschen nach der Katastrophe deutlich verbesserte. Im Wald westlich des Heiderhofes fand man einen Grabhügel, der mangels weiterer Funde nicht näher zu datieren ist, aber sicher aus vorgeschichtlicher Zeit stammt, möglicherweise ähnlich wie die Holtdorfer Hügelgräber aus dem 4. Jahrtausend v. Chr.
Der Fund eines bronzezeitlichen Lappenbeiles im Pennenfeld (nach 1945 auf einem Privatgrundstück) schließt eine große zeitliche Lücke. Zwischen etwa 2000 v. Chr. und 450 v. Chr. (Bronzezeit) lebten hier Menschen und sie fanden auskömmliche Wirtschaftsgrundlagen. Die Archäobotanik hat gezeigt, dass im Rheinland damals schon eine entwickelte Kulturlandschaft mit Ackerbau und Viehzucht bestanden hat: „Die in den eisenzeitlichen Pollenspektren hohen Werte von Gräser- und Krautpollen lassen ausgedehntes Offenland erkennen: Die Zunahme des Ackerlandes macht sich ab jetzt auch pollenanalytisch in einer erstmals geschlossenen Getreidepollen-Kurve und an den klassischen Ackerunkräutern, wie Klatschmohn, bemerkbar. Natürlich wuchsen Ackerunkräuter und Getreide seit dem Beginn der Landwirtschaft auf den Feldern; da die Feldflächen aber relativ klein und in das Waldland eingeschlossen waren, wurden sie vorher von den dominanten Baumpollen völlig „unterdrückt".
Erst die Ausweitung des Ackerlandes verhilft den „Ackerzeigern" zu ihrer pollenanalytischen Präsenz. Im ackerbaulichen Zyklus der Eisenzeit spielten vermutlich mehrjährige Brachen eine Rolle, während derer die Feldflächen beweidet wurden - eine Feld-Graswirtschaft. Dafür sprechen das verstärkte Vorkommen sogenannter Ruderalpflanzen, wie Gänsefußgewächse, Vogelknöterich und der ausdauernde Beifuß. Die Indikatoren für Waldweide, Grünlandwirtschaft und Feld-Graswirtschaft belegen das Aufkommen eines intensivierten Landwirtschaftssystems mit der Eisenzeit, bei dem Ackerbau und Viehzucht in enger Verzahnung betrieben wurden.“ (Aus: PflanzenSpuren Archäobotanik im Rheinland: Agrarlandschaft und Nutzpflanzen im Wandel der Zeiten, Rheinland-Verlag GmbH · Köln 1999 Landschafts- und Siedlungsgeschichte des Rheinlandes, Jutta Meurers-Balke, Arie J. Kalis, Renate Gerlach, Antonius Jürgens.)
Genaueren Aufschluss über die Klimageschichte des Rheinlands, die auch Rückschlüsse auf die Lebensbedingungen zulassen wird, soll eine 150 m tiefe Bohrung im Krater des Rodderbergs im Jahre 2011 erbringen (www.idw-online.de/de/news339684).
Jedenfalls entwickelte sich in Muffendorf und im benachbarten „Drachenfelser Ländchen“ eine auskömmliche Landwirtschaft in mildem Klima und mit großen offenen Flächen, die auch die Römer später zu nutzen verstanden, die baulichen Überreste römischer Landgüter im Drachenfelser Ländchen beweisen dies (RhAB, Ortskartei).