Pia Heckes
Spaziergang durch die Muffendorfer Geschichte
VON DER ALTSTEINZEIT INS 21. JAHRHUNDERT
Einleitung Vorgeschichte Antike Mittelalter Neuzeit LiteraturMuffendorf in der Neuzeit
Aus der frühen Neuzeit hat sich in Muffendorf eine datierte Bronzeglocke erhalten. Sie trägt die Inschrift: „Martinus heischen ich, inde ere marien gotz Moder luden ich, de gewalt des duvels verdriven ich. anno d(omi)ni m v xiiii “ (Martinus heiße ich, zur Ehre Mariens, Gottes Mutter, läute ich, die Gewalt des Teufels vertreibe ich, Anno Domini 1514). Gegossen hat diese Glocke Meister Johan von Andernach in Köln, sie hat ein Gewicht von 900 kg (laut Bonner Glockenbuch) und befindet sich heute im Turm der neuen St. Martinskirche, wo sie zum wohlklingenden Geläut gehört.
Diese Martinusglocke ist eine der wenigen Glocken des Meisters Johan von Andernach im Erzbistum Köln, die die Zeiten überdauert hat. Und sie stammt aus einer sehr bedeutenden Glockengießerwerkstatt in Köln. Johan von Andernach war einer der produktivsten Meister der Spätgotik in Köln, der 57 Glocken gegossen hat, von denen allein 14 für Kirchen in Köln bestimmt waren. Glocken von seiner Hand finden sich in St. Aposteln, in St. Andreas und in St. Maria im Kapitol in Köln (Poettgen 2005, S. 126 ff.). Es war sicherlich für das frühe 16. Jahrhundert keine Selbstverständlichkeit, wenn ein kleines Dorf wie Muffendorf mit seiner romanischen St. Martinskirche über eine solche Glocke eines bedeutenden Meisters verfügen konnte. Mit dieser Glocke verband sich ein Anspruch, dessen Bedeutung wir heute nicht mehr kennen. Ein Glücksfall, dass sie die Jahrhunderte und Kriege überdauert hat und heute noch mit ihrem hellen Klang weit über das Rheintal zu hören ist. Es bleibt der zukünftigen Forschung vorbehalten herauszufinden, auf welchen Wegen diese wertvolle Glocke ihren Weg nach Muffendorf gefunden hat. Lassen sich die Stifter-Initialen (id und gw) auflösen, wäre man der Lösung dieser Frage ein gutes Stück näher. Was aus den im 14. Jahrhundert erwähnten älteren Glocken von St. Martin geworden ist, ist unbekannt. Möglicherweise sind sie beim Guss der neuen Glocke von 1514 eingeschmolzen worden.
Eine weitere wertvolle Glocke des Gießers Johann Reutter von 1607 soll sich ebenfalls in der Alten St. Martinskirche befunden haben. Mit diesen beiden Glocken hätte die Kirche über eine für die damalige Zeit schon recht beeindruckende Glockenmusik verfügt. Leider ist über diese Glocke weiter nichts bekannt. Von Bedeutung kann aber der wirtschaftsgeschichtliche Gesamtzusammenhang sein: „Interessant ist nun, daß die wichtigen Innovationen, die eine Wiederaufnahme der Erförderung und -verhüttung rentabel erscheinen ließen, in dieser Zeit der wirtschaftlichen Rezession eingeführt wurden. Um 1450 funktionierten die ersten Wasserkünste erstmals zuverlässig (Wasser hebt Wasser), ab 1400 gab es Förderhaspeln mit durchgehender Kurbel aus Eisen, in der 1.Hälfte des 15.Jh. wurde die Saigertechnik entwickelt, die eine thermische Trennung verschiedener Metalle (Blei, Silber, Kupfer) aus den polymetallischen, sulphidischen Erze ermöglichte. Spätestens ab dem Ende des 15.Jh. war es möglich, Energie, die durch Wasserkraft gewonnen war, auf mechanischem Wege zu transportieren (sog. Heinzenkunst). Ein rasant schneller Technologie-Transfer in dieser Zeit durch Spezialisten, die nacheinander in mehreren Bergbaurevieren tätig waren und "weitergereicht wurden", bewirkte ein Übriges. Einem erneuten Aufschwung der bergmännischen Erzgewinnung stand in Mitteleuropa ab 1450 nichts mehr im Wege“(Ulrich Zimmermann, Freiburger Online Publikationen: Mittelalterlicher Bergbau auf Eisen, Blei und Silber, begrenzte Mittel und zahlreiche Veränderungen). Wenn also ab ca. 1450 vermehrt Erze zur Verhüttung und Weiterverarbeitung zur Verfügung standen, verläuft der Aufschwung des Glockengusses wegen des in größeren Mengen zur Verfügung stehenden Materials parallel mit der Begeisterung für die gotische Glockenmusik, die erst durch den Aufschwung des Bergbaus und dessen technische Innovationen möglich wurde.

Die Zeit um 1500 brachte für die Muffendorfer Kirche zwei sehr bedeutende Schenkungen. Nicht nur die wertvolle Martinus-Glocke entstand, sondern auch die Marienklage, die sich heute in der neuen St. Martinskirche befindet und laut Wiedemann (S. 120) und Clemen (S. 320) aus Alt-St. Martin stammt. Dieses Vesperbild zeigt die trauernde Maria mit dem toten Jesus und Johannes, bei den beiden Frauen wird es sich um Maria Magdalena mit dem Salbgefäß und um Anna, die Mutter Mariens, handeln. Um 1500 erlebte der Kult um die Hl. Anna im Rheinland einen Höhepunkt als im Jahre 1500 die Kopfreliquie, aus Mainz gestohlen, nach Aachen verbracht wurde, um dann durch eine päpstliche Bulle im Jahre 1506 nach einem heftigen Rechtsstreit der Erzbischöfe von Köln und Mainz der Stadt Düren zugesprochen zu werden. So zeigt auch dieses Vesperbild, dass die Ereignisse der Zeit sehr wohl wahrgenommen und künstlerisch umgesetzt wurden. Ein weiteres interessantes Detail der Vespergruppe ist die auffallende Wulstschapel mit Gebende (Kinntuch), mit der Maria Magdalena geschmückt ist. Diese Kopfbedeckung wurde häufig im Zusammenhang mit Hochzeitsbräuchen getragen und deutet auf die mythische Hochzeit zwischen Jesus und Maria Magdalena. Ein konzentriertes theologisches Programm, das die wichtigsten Personen aus Jesu Leben um den Leichnam versammelt. Stilistisch weist dieses Vesperbild in die Nähe des Von-Carben-Meisters, der für den Kölner Dom einige Plastiken geschaffen hat, die dort heute noch zu sehen sind (für diesen Hinweis danke ich Frau Prof. Dr. Ulrike Bergmann, Bonn).
Der oder die Stifter der Glocke sowie des Vesperbildes müssen also eine recht enge Verbindung nach Köln gehabt haben und die wesentlichen Künstler der Zeit, die dort tätig waren, gekannt haben oder an sie vermittelt worden sein. So erreichte die Kunst Kölns auch Muffendorf. Eine enge Verbindung von Muffendorf nach Köln war durchaus gegeben. Es bestand eine wirtschaftliche Verbindung der Deutschordenskommende von St. Katharinen in Köln mit der Muffendorfer Kommende, denn St. Katharinen in Köln besaß erheblichen Grundbesitz in und um Bonn, wahrscheinlich auch Weingärten in Muffendorf. Der Koblenzer Landkomtur, zu dessen Verwaltung Muffendorf ursprünglich gehörte, hatte bereits im 15. Jahrhundert seinen Sitz nach Köln verlegt, so dass alle Urkunden auf St. Katharinen ausgestellt sind. Die Kommende Muffendorf mit ihren vier Wirtschaftshöfen (Muffendorf, Lannesdorf, Heiderhof, Gimmersdorf) wurde gegen Ende des 15. Jahrhunderts nicht mehr von einem Komtur geleitet, sondern sie war durch einen Vertrag vom 17. Juli 1496 an Herrn Gottschalk Kempen vergeben, nach dessen Tod die Kommende wieder an den Orden zurückgefallen ist (s.o.). Vielleicht war es auch dieser Herr Kempen, dem am 5.10.1513 von Ludwig von Sansheim vom Deutschen Orden in Köln, Vollmacht als Provisor für die Kölnischen Gerichte urkundlich übertragen wurde (Köln, Historisches Archiv der Stadt , St. Katharinen, Best. 234, Nr. U 1/827).
Im Jahr 1581 erscheint wiederum eine Urkunde, in welcher der Weinbau eine Rolle spielt: der Schöffe von Muffendorf bezeugt den Verkauf einer Rente der Eheleute Mettlen aus Muffendorf von 1,5 Goldgulden aus den Erträgen verschiedener Weingärten an einen Kanoniker Gerhard Hulsing aus St. Severin zu Köln (Köln, Hist. Archiv der Stadt, Best 264 Severin, U3/508, Verlust 3.3.2009).
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts erlebten die Godesburg und die dazugehörigen Dörfer eine unglückselige Zeit. Und eine Zeit des Niedergangs durch kriegerische Auseinandersetzungen. Kurköln drohte durch die Hinwendung des Kurfürsten Gebhard Truchsess von Waldenburg zur Reformation für die katholische Gegenreformationsbewegung verloren zu gehen. Das Haus Wittelsbach reagierte und entsandte Truppen. Im Truchsessischen Krieg (auch Kölner Krieg genannt) im Jahr 1583 schlugen die bayerischen Truppen ihr Quartier u.a. in Muffendorf, das zum Amt Godesberg gehörte, auf. Herzog Ferdinand von Bayern erkrankte allerdings in Muffendorf so schwer, dass er sich in die Residenz nach Brühl zurückziehen musste und dort weitere 5 Wochen krank danieder lag (Haentjes, 1960, S. 72, 73). Die Burg wurde am 17.12.1583 teilweise gesprengt und erobert. Damit endete ihre wichtige Rolle in der rheinischen Geschichte. Muffendorf wird einige Zeit gebraucht haben, bis es sich von der Last der Einquartierung und Besatzung erholt hatte. In der historischen Überlieferung klafft für diesen Zeitraum eine Lücke. Aber die Einschätzung eines Zeitzeugen, Hermann von Weinsberg, Ratsherr zu Köln, macht deutlich, was die Zeitgenossen von Erzbischof Gebhard zu Waldenburg und der Plünderung der Klöster in Bonn und Umgebung hielten: „Ecce wie gehet es zu. Die alte ertzbischoffen haben disse cloister meistheils bestift und etlich hondert jare bei ehren, friden, und gut erhalten. Eitziger her laist die verderber drunden rauschen, omnium rerum vicissitudo, alles dings ist ein veranderung, wie man eitz erfirt gegen alles versehen. Die edel stifs jonfern zu Vilick und Ryndorf uber Bon werden gefloven sin“ (http://www.weinsberg.uni_bonn.de/Edition/Liber_Senectutis/Liber_Senectutis.htm). (Siehe, wie es zugeht. Die alten Erzbischöfe haben diesen Klöstern reichlich zugestiftet und sie etliche hundert Jahre in Ehren und Frieden gut erhalten. Jetziger Herr (gemeint ist Erzbischof Gebhard zu Waldenburg) lässt die Verderber dort unten wüten, alles ist im Wandel, wie man jetzt erfährt, trotz aller Vorsehung. Die adligen Stiftsfräulein zu Vilich und Rheindorf bei Bonn werden geflohen sein.)
Am Kottenforst, der eng mit der Geschichte Muffendorfs verknüpft war, wurde auch im 17. Jahrhundert Raubbau betrieben, übermäßige Holzentnahme und vermehrte Viehmast im Wald machten es notwendig, dass der Kurfürst, um seinen Jagdwald zu sichern, im Jahre 1659/60 allein 675 Eichen neu pflanzen ließ (Höroldt, GHbl. 11/S. 125 f). So wird der Kottenforst über die Jahrhunderte mehr hergegeben haben, als er zur Gesunderhaltung benötigte. Durch den Raubbau wird er allerdings auch zum Wohlstand der Dörfer in der Umgebung beigetragen haben.

Im 16./17. Jahrhundert ist für Muffendorf eine Burg nachgewiesen, von der sich allerdings keine sichtbaren baulichen Spuren erhalten haben. Sie lag auf dem Grundstück, das sich heute gegenüber der neuen St. Martinskirche zwischen der Klosterbergstraße und der Elfstraße befindet und gehörte der Familie von Steinen. Die Ruinen der Burg wurden nach 1830 so gründlich niedergelegt und wahrscheinlich weiterverwertet, dass keine baulichen Reste sichtbar blieben und die Burg in Vergessenheit geriet. Möglicherweise war sie schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts so marode, dass sich damals niemand mehr vorstellen konnte, dass dies einst eine befestigte burgartige Anlage gewesen ist (Strack 1998). Allerdings deutet auch hier der Volksmund darauf hin, dass diese Burg wesentlich älteren Ursprungs gewesen sein dürfte. Denn lange Zeit, noch bis in das 20. Jahrhundert hinein, sprach man in Muffendorf von der „Burg der Kaiserin Helena“, der Mutter Konstantins des Großen. Oder von dem Grundstück „auf der Burg“. Der Bezug auf Helena ist wahrscheinlich dem Umstand geschuldet, dass man auf die römische Vergangenheit, auf das hohe Alter der Burg hinweisen wollte, und ist sicher nicht wörtlich zu nehmen. Abgesehen davon hatte der Hinweis auf Helena in Bonn gute Tradition. Denn auch der Bau des Münsters ging nach mündlicher Überlieferung auf Helena, die Mutter Konstantins zurück (van Rey 2001, S. 31). Helena wurde sehr lange in Bonn verehrt, noch 1630 entstand eine Bronzeplastik, die heute das Bonner Münster schmückt. So geht die mündlich tradierte Geschichte der untergegangenen Burg ebenfalls zurück bis wiederum in die provinzrömische Antike. Als auf dem Gelände im 19. Jahrhundert ein Wingert (Weingarten) angelegt wurde, fand man Mauerreste, rote Röhren und Scherben (Dietz, Josef: Sagen und Geschichten aus Godesberg-Muffendorf, in: Godesberger Heimatblätter 12, 1974, S. 120). Als Besitzer der Burg wird in der älteren Literatur die Familie von Steinen, genannt von Tricht, erwähnt. Ein Claes von dem Steyne gen. von Tricht ist in einer Urkunde des Katharinenklosters vom 20.12.1483 erwähnt. In dieser Urkunde bestätigt Claes von dem Steyne den Verkauf einer Wiese zu Villip,, die zu seinen Gütern dort gehört hatte und von seinem Schwager verkauft worden war. Da ein Zusammenhang über das Katharinenkloster mit Muffendorf bestand, könnte es sich um die Familie der Burgbesitzer aus Muffendorf handeln. Es wäre gut möglich gewesen, dass diese auch zu Villip begütert gewesen waren (Köln, Historisches Archiv der Stadt, Best. 234, U1/755). Eine Stiftungsmesse dieser Familie wird als ewiges Gedächtnis noch heute in St. Martin gefeiert.

Die ältesten Grabkreuze auf dem Friedhof bei Alt St. Martin stammen aus dem 17. Jahrhundert, Wiedemann konnte auf einem der alten Grabkreuze noch die Jahreszahl „1626“ lesen. Stiftungen für die Alte Martinskirche sind über Jahrhunderte nachgewiesen, so von 1514, 1689, 1721, 1796.

Die schönen Fachwerkhäuser Muffendorfs bestimmen heute das Erscheinungsbild des Ortes. Allerdings fällt auf, dass die ganz überwiegende Zahl der Häuser frühestens aus dem 18. Jahrhundert (z.B. 1716, 1746, 1747, 1752, 1796) oder aus späterer Zeit stammen. Auf einem giebelständigen Fachwerkhaus in der Klosterbergstrasse (Nr. 53) findet sich über der Haustür die aufgemalte Zahl 1657. Warum sich nicht mehr Häuser aus früherer Zeit erhalten haben, ist eine Frage, die es noch zu beantworten gilt. Vielleicht spielte auch das Erdbeben vom 19. Februar 1673 eine Rolle dabei, denn es war ein so starkes Beben, dass Teile der Burg Rolandseck einstürzten, die ja nur wenige Kilometer von Muffendorf entfernt liegt. Überfälle der Schweden oder der Franzosen, Devastierungen oder Feuersbrünste wie in Mehlem sind für Muffendorf in dieser Zeit nicht quellenmässig überliefert, was aber nicht heißt, dass solche Vorkommnisse gänzlich auszuschließen wären.

Ein Kreuz vor dem Hause Nr. 39 in der Muffendorfer Hauptstraße trägt die Jahreszahl 1698. Es wurde in einer für das kölnische Rheinland höchst unruhigen Zeit errichtet. Nach dem Bombardement von 1689 im Pfälzischen Krieg lag Bonn in Schutt und Asche. Auch das Umland, und damit Muffendorf, wird in Mitleidenschaft gezogen worden sein, sei es durch marodierende Truppen, durch Besatzung oder Zerstörungen. Die ältesten Teile des Siegburger Hofes, die nach Norden, dem Weinberg zu stehen, gehen auf die Jahre 1694/95 zurück, wenige Jahre nach der völligen Zerstörung Bonns 1689. Mann kann also davon ausgehen, dass auch Muffendorf von den französischen Truppen geplündert und eingeäschert wurde, bevor sie von den Truppen der Allianz zur Kapitulation im Oktober 1689 gezwungen wurden.
Es wird anhand der Jahreszahlen allerdings auch deutlich, dass einige Fachwerkbauten des 18. Jahrhunderts mit ihren schönen Binnenhöfen das schwere Erdbeben am 18. Februar 1756, dessen Epizentrum bei Düren lag und dessen Erschütterungen von London bis Straßburg zu spüren gewesen waren, überstanden haben. Dieses Erdbeben gilt bis heute als das schwerste Beben im Rheinland überhaupt.


Aus dem 18. Jahrhundert sind erwähnenswert insbesondere das Alte Pastorat (1721) in der Martinstraße und die Bildstöcke: beginnend mit dem Bildstock an der Ecke Talstraße/Waasemstr./Muffendorfer Hauptstr., dieser gehört zu den sieben Bildstöcken im Dorf, die den Sieben Schmerzen Mariens gewidmet sind. Die Bildstöcke entstanden 1725, sind aber nicht im Originalzustand erhalten. Dieser erste mit der Darbringung Jesu im Tempel ist inschriftlich datiert: 1725. Diese Bildstöcke stehen in einem inneren Zusammenhang mit der Figurengruppe der Marienklage aus dem 16. Jahrhundert, die sich heute in der Pfarrkirche St. Martin befindet.
Die Stationen der Bildstöcke sind: Darbringung im Tempel: Talstraße, Flucht nach Ägypten: Gringsstrasse/Deutschherrenstraße, Jesu predigt im Tempel: An der Kommende/Deutschherrenstraße, Begegnung auf dem Kreuzweg: Benngasse/Deutschherrenstraße, Kreuzigung: Benngasse geg. Haus Nr. 12, Kreuzabnahme: Muffendorfer Hauptstraße Haus Nr. 70, Grablegung: Friedhof/Alte St. Martinskirche. Bis weit in die 1950er Jahre hinein bestand in Muffendorf noch der Brauch der Sieben Fußfälle, an den Bildstöcken wurde bei Todesfällen von den Mädchen und Frauen der Nachbarschaft je ein Vaterunser und ein weiteres Gebet für den Verstorbenen gesprochen. So waren die Bildstöcke nicht nur im Marienmonat September in das dörfliche Leben einbezogen.
Auch der ursprüngliche Bau des Kelterhauses in der Gringsstraße stammt aus dem frühen 18. Jhdt., die ältesten Bauteile sind mit 1723 datiert. Eine Vorstellung von der nachmittelalterlichen Landwirtschaft in Muffendorf gibt der sogenannte Ehmannsche Flurkartenatlas von 1759. Dieses Kartenwerk wurde angefertigt als Grundstücksübersicht für die Kommende, gibt aber auch einige wenige interessante Details zur Siedlungsgeschichte des Dorfes wieder. So findet sich oberhalb der alten St. Martinskirche das erst 1721 erbaute Pastorat und dies ist die einzige Karte, auf der der sogenannte Schellenpütz, ein öffentlich zugänglicher Brunnen, verzeichnet ist.

Die Aktenlage des St. Katharinenklosters (Köln) zur Kommende Muffendorf war für die Zeit von 1777 bis 1794 noch einmal recht ergiebig. Die Einnahmen und Ausgaben dieser Jahre lagen vollständig vor, die Akten gehören aber zu den Verlusten durch den Einsturz des Kölner Stadtarchivs am 3.3.2009.
Die Folgen der Französischen Revolution von 1789 erreichten das Rheinland. Am 8. Oktober 1794 begann eine neue Zeit für Muffendorf: die Franzosen zogen ein und pflanzten vor der Kommende den Freiheitsbaum auf. Eine wirtschaftlich schwierige Zeit brach an. Allerdings war das ländliche Muffendorf mit seinen Wingerten eher an der Peripherie des historischen Geschehens. Napoleon weilte zwar kurz in Bonn (1804), aber bis auf die Aufstellung des Freiheitsbaums ereignete sich nichts Wesentliches im Dorf. 1802 wurde das seit 1136 im Besitz des Cassius-Stiftes zu Bonn befindliche Hofgut säkularisiert und veräussert: der Kapitelshof, Scheune, Ställe und Kelter mit 5,22 ha Land (davon 1,22 ha Weinberg) wurde für 5.125 Fr. verkauft. Auch dieser Hof verfügte über eine eigene Kelter (NRKB, S. 373). Weitere Forschungen werden möglicherweise Aufschluss darüber bringen, um welche Hofstelle in Muffendorf es sich handelte.
1801 wurde die Deutschordenskommende säkularisiert und 1803 verkauft, dabei handelte es sich um „Kommanderie, Haus, Ställe, Scheune, Kelter, 104,4 ha Land, 3,92 ha Weinberge, 6,96 ha Wiese, 1,1 ha Baumgarten“ (NRKB, S. 421), also für das Rheinland keine ganz kleine Landwirtschaft. Zum Preis von 130.000 Fr. erwarb der Kölner Kaufmann Gottfried Schmitz die Gebäude.
1813 wurde Peter Schwingen, geschätzter Maler der Düsseldorfer Malerschule, in Muffendorf geboren. Seine Vorfahren waren Pächter auf dem Hof des Cassius-Stiftes gewesen.

Nach dem Wiener Kongress 1815 wurde das Rheinland Preussen zugesprochen, eine Zeit des großen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels brach an. Der „Rheinische Antiquarius“ (Christian Stramberg) gibt für 1815 an: 110 Häuser und 543 Einwohner in Muffendorf, auch lobt der Autor ausdrücklich den Muffendorfer Wein, der neben dem Lengsdorfer Tröpfchen das Beste sei, das die Weinbauregion Bonn zu bieten habe.
1831 erbrachte ein Zensus für Muffendorf folgendes Ergebnis: 129 Feuerstätten (inkl. der Wattendorfer Mühle und des Heiderhofes) mit 665 Einwohnern. So war Muffendorf bis dahin ein immer noch kleines Bauern- und Winzerdorf im Rheinland.

Die Muffendorfer Winzer bauten bis etwa 1890 vorzugsweise blaue Burgundertrauben an, der Wein daraus hatte einen guten Markt. Frühburgunder wird noch heute vorzugsweise an der Ahr angebaut und findet seine Liebhaber. In Muffendorf brachten Anbauversuche mit Früh- und Spätburgunder in den 1970er und 1980er Jahren keine guten Ergebnisse, so dass weit gehend auf eine pilzunempfindliche Neuzüchtung, die Sorte Regent, umgestellt wurde, die heute mit viel Erfolg als „Muffendorfer Klosterberg“ an- und ausgebaut wird. Zum landwirtschaftlichen Wohlstand im 19. Jahrhundert trugen auch die Muffendorfer Pfirsiche bei: „Eine schöne Anekdote existiert für die Ausbreitung der Pfirsichkultur um Muffendorf bei Bonn. Demnach soll ein junger Mann 1830 in einem Kölner Delikatessengeschäft „zwei prachtvolle französische Pfirsiche“ erworben und die Steine dieser Pfirsiche im elterlichen Garten vergraben haben. Durch die finanziellen Erfolge, die mit den Nachkommen dieser Pfirsiche erzielt wurden, breitete sich die Pfirsichkultur im Raum Muffendorf schnell aus. Zur Zeit der Pfirsichblüte war Muffendorf in ein Meer von intensiv rosafarbenen Blütenwolken getaucht und wurde zum Ausflugsziel der Bonner und Godesberger Bevölkerung. Große Tanzsäle in den alten Gaststätten Schneider-Rausch (Kleine Beethovenhalle) und der „Post“ (heute ein privates Wohnhaus) künden noch heute von ausgelassen Festivitäten anlässlich der Pfirsichblüte. Der Verleger Alexander Duncker schreibt in seiner großartigen Sammlung der Adelssitze in Preußen über Muffendorf: „Das Rittergut Muffendorf, ein zusammenhängendes Grundeigentum von pp. 700 Morgen des vorzüglichsten Bodens, eine Meile von Bonn vis a vis von Königswinter, zählt zu den schönsten Punkten des Höhenzuges, welche sich als Ausläufer des sogenannten Vorgebirges am linken Rheinufer zwischen Godesberg und Rolandseck erstreckt. Wenn der Wanderer dort, wo die alte Heerstrasse von Eckendorf mündete und wo gegen Ausgang des 9. Jahrhunderts die wilden Schaaren der Normannen plündernd und verwüstend vorbeigezogen, das an der Höhe sanft aufsteigende Dorf betritt, öffnet sich ihm eine herrliche Aussicht auf die gegenüberliegenden Kuppen des Siebengebirges und in die Thalgrunde, welche rechts und links Lannesdorf, Ober- und Nieder-Bachem und die übrigen Ortschaften des ehemaligen Ländchens Drachenfels umsäumen“. Ein liebenswürdiges Urteil, das den scharfen Blick Dunckers für die landschaftlichen Schönheiten dokumentiert.


1915 wurde Muffendorf Stadtteil von Godesberg und erhielt in der Folge die erste moderne Frisch- und Abwasserinfrastruktur. Das Hotel Miramonti in der heutigen Deutschherrenstraße bot erstklassige Gastronomie, die Gäste von weit her anlockte. Während des Zweiten Weltkrieges hatte Muffendorf recht wenige Schäden an der Bausubstanz erlitten. Allerdings waren viele Männer aus Muffendorf in den Krieg gezogen, die nicht wieder zurückkehrten. Der Opfer des Krieges gedenkt man am Ehrenmal bei Alt-St. Martin. Im Jahr 1949 wurde Bonn Bundeshauptstadt, Muffendorf mauserte sich zum begehrten Wohnort und wurde 1969 im Zuge der kommunalen Neuordnung Teil der Stadt Bonn. Die Kommende kam zu Beginn der 50er Jahre in den Besitz des Staates Belgien und wurde zur Residenz des Belgischen Botschafters umgebaut. 2007 bis 2009 wurde sie gründlich saniert, um zwei Flügel im Hof erweitert und bietet nun ein überaus gepflegtes Wohnambiente. In den 60er, 70er und 80er Jahren wurden zahlreiche Fachwerkhäuser und –höfe in Muffendorf liebevoll saniert und diese bilden bis heute ein einmaliges Ensemble im Rheinland.


Eine ebenso kurze wie heftige Episode sollte die Zeit des „Underground“ in Muffendorf werden und nicht in Vergessenheit geraten: Im ehemaligen Gasthof „Zur Alten Post“ in der Muffendorfer Hauptstraße Nr. 27-29 entstand Ende der 60er Jahre Juppi Schäfer’s Rockschuppen „Underground“. Zahlreiche Rocklegenden traten hier auf und machten den „Underground“ zum Mekka der Musik begeisterten Jugend nicht nur im Rheinland: Status Quo, Can, Man, Nektar, Queen, Uriah Heep, Scorpions und Wolfgang Niedecken und Band spielten hier. Leider war der Begriff „Schuppen“ nicht nur im übertragenen Sinne zutreffend, so dass diese Einrichtung der Musikpflege nach behördlichen Auflagen zum 31.März 1975 geschlossen wurde.
1988 beging Muffendorf die 1100-Jahr-Feier mit großen Festivitäten, u..a. fand ein historischer Festzug statt, an den sich die Muffendorfer bis heute gerne erinnern. Zahlreiche Vereine beteiligten sich, denen hier eine kurze Darstellung gewidmet sei: 1863 wurde der Männergesangverein „Freundschaftsbund“ gegründet, 1892 dann der Kirchenchor „St. Cäcilia“, damit die Einweihung der neuen Kirche gebührend musikalisch begleitet werden konnte. 1908 entstand der Junggesellenverein „Frohsinn“.1922 erhielt Muffendorf ein eigenes Tambourkorps mit Namen „Rheinklänge“. 1946 entsteht die KG „Bergfunken“,1948 der Muffendorfer Bauernverein, 1958 der Sport-Club Muffendorf,1966 die KG „Blau-Gold“ und der Brieftaubenverein, 1968 der Tischtennisclub, 1982 „Verein der Freunde und Förderer Muffendorfs“, 1986 der Kleintierzüchterverein. 1994 die „Peter-Schwingen-Gesellschaft“. Der Winzerverein des 19. Jhdts. war mit dem Niedergang des Erwerbs-Weinbaus durch den Befall der Reblaus bereits um 1900 in Auflösung begriffen gewesen. Ein informeller kleiner Winzerverein hat sich heute rund um das Kelterhaus in der Gringstraße gebildet, wo man gemeinschaftlich die Muffendorfer Trauben zu einem feinen Rotwein ausbaut.
Die Brauchtumsfeste werden in Muffendorf mit großer Begeisterung gefeiert. Der Jahreslauf beginnt mit den Karnevalsfesten, dann geht es weiter zum Maiansingen am Abend des 30. April. Der nächste Festtermin ist das Orts- und Gemeindefest zu Fronleichnam. Im September öffnen viele Höfe ihre Tore zur Muffenale. St. Martin ist der Schutzheilige des Ortes und wird dementsprechend mit viel Engagement und einem großen Feuer begangen. Eine sportliche Herausforderung für die Jugend des Dorfes stellt das Schürreskarrenrennen dar. Jeder Muffendorfer sollte mindestens einmal im Leben mit der Schürreskarre um die Schnapstheke gelaufen sein.

Damit wäre ein Zeitraum von ca. 170.000 Jahren überwunden, zwar sind nur wenige Fundstücke aus vorgeschichtlicher Zeit auf uns gekommen, darunter aber Artefakte von großer Aussagekraft, die eine Kontinuität der Nutzung und Besiedelung belegen, die so sicher nur selten zu finden ist.
Bildnachweis: Abb. 12, 14, 17-19, 23, 25, 28, 29 mit freundlicher Genehmigung des Vereins für Heimatpflege und Heimatgechichte Bad Godesberg e.V.; Abb. 13, 15, 16, 20-22, 24, 26, 27, 30-35, 39 Lars Bergengruen; Abb. 40 mit freundlicher Genehmigung von Maria und Johannes Schwind